Sonntag, 1. Juni 2014

Freitag, 23.05.2014



Zum vierten Mal bin ich jetzt hier, und langsam wird mir der Ort zur, mal nachzählen..., vierten Heimat. Am Empfang ist diesmal niemand, und ich muss Schwester Hildegardis über die Pforte herbeirufen lassen. Sie freut sich auch sehr, mich wieder zu sehen – diesmal wieder mit Haaren. Wie schon im letzten Jahr hab ich wieder ein Zimmer mit Balkon, das zwar, weil in Richtung Straße gelegen, etwas lauter, aber dennoch viel schöner ist, als die Zimmer auf der anderen Seite.
Zum vierten Mal also, und in was für unterschiedlichen Verfassungen war ich schon hier. So gut wie diesmal ging es mir wohl nur beim allerersten Mal. Und ich merke, wie dieser Ort gleich schon wieder anfängt, seine Wirkung zu entfalten. Ich drehe eine Runde durch den Garten, besuche mein Lieblingsbild auf dem Kreuzweg und bewundere den Sinnesgarten, der nun in der Mitte des Kreuzwegs, wo vorher nur Gestrüpp war, angelegt worden ist.

Diesmal werden es ja Einzelexerzitien. Ich bin gespannt. Aber ich glaube, es war die richtige Entscheidung. Ich habe so manches zu erwägen, was einen guten Gesprächspartner wünschenswert erscheinen lässt. Vor allem möchte ich dem Tod wieder mehr Raum in meinem Leben geben, so seltsam das auch klingt. Als ich im letzten Jahr hier war, war mir der Tod recht nah und schien fast vertraut. Jetzt arbeite ich seit einem dreiviertel Jahr wieder, lebe mein Leben, in dem die Todesahnung schon tiefe Spuren hinterlassen hat, und ich merke, dass diese Erfahrung ein großes Geschenk war, das ich weiter fruchtbar für mich werden lassen will. Ich weiß, dass jeder Monat Lebenszeit ein Geschenk ist, aber ich spüre es kaum noch. Dahin möchte ich wieder kommen.

Aber wer weiß, vielleicht kommen auch noch ganz andere Dinge zu Tage.

Jetzt warte ich schon sehnsüchtig auf das Abendessen, denn da ich am Sonntag wunderschön in meinem Kleid aussehen will, hab ich heute noch nicht viel gegessen. Eine  Stunde noch …

So, nun bin ich ein wenig schlauer. Wir sind insgesamt acht Teilnehmerinnen, darunter sieben Ordensschwestern (eine davon exklaustriert), eine Gemeindereferentin und ein bunter Vogel mit pinken Turnschuhen. Aber ich bin ja es nicht anders gewöhnt. Vom Pater, der die Exerzitien begleitet, hab ich noch keinen rechten Eindruck, da warte ich mal auf das erste Gespräch morgen.
Ich war allerdings etwas entgeistert, als ich beim Abendessen sah, dass er nicht nur die ohnehin schon recht salzige Suppe noch kräftig mit Maggi nachwürzte, sondern das Zeug auch großzügig über den Salat goss – örks. Und einige Schwestern taten es ihm gleich mal nach.


Bei der abendlichen Vorstellungsrunde will der Pater wissen, bei welcher Versicherung ich denn arbeite, und als ich es verrate, heißt es gleich, war da nicht mal was mit Osteuropa und Prostituierten und so... In diesem Moment verfluche ich meinen Arbeitgeber mal wieder und staune, wie gut die Ordensleute dann doch informiert sind.
Die Anbetung am Abend musste leider ausfallen, weil der Pater den Schlüssel für den Tabernakel nicht fand. So bleibt der arme Jesus also eingesperrt und es gab nur die Komplet, was mir aber auch recht war. Und wir nehmen erfreulicherweise nicht die Psalmen der Sonntagskomplet, die ich eh auswendig kann, sondern Psalm 91, einen meiner Lieblingspsalmen. Ich muss daran denken, wie ich vor vier Jahren zum ersten Mal hier war und kaum wusste, was die Komplet überhaupt ist. Wir sind diesmal  auch nicht in der Hauskapelle, sondern im sehr viel kleineren Meditationsraum, was mir aber gut gefällt. Auch das Essen nehmen wir nicht im großen Speisesaal ein, sondern in einem kleinen Nebenraum. Diese intimere Atmosphäre gefällt mir eigentlich sehr gut. Und da es nur ein Gespräch am Tag gibt (meins ist immer um 15 Uhr), gibt es mehr freie Zeit als bei den Gruppenexerzitien. Auch das, glaube ich, wird mir gut tun.

Ab morgen dann Stille, bzw. für mich erst mal nur morgen und dann ab Sonntag  nachmittag wieder. Etwas blöd, aber nun mal leider nicht zu ändern.

Samstag, 24.05.2014



Nach einer wunderbaren Nacht, in der ich den Schlaf der letzten drei Nächte nachgeholt habe, finde ich mich um viertel nach acht als erste im Frühstücksraum ein. Das irritiert mich zunächst etwas, weil ich gewöhnt bin, dass die Exerzitienteilnehmer um diese Zeit schon fast vollständig versammelt sind, auch wenn die Frühstückszeit frei wählbar ist. Ich überlege, ob ich doch aus Versehen eine Morgengebetszeit verpasst habe. Dem scheint aber nicht so zu sein, denn irgendwann kommt Pater Herbert auch dazu. Zu zweit schweigt es sich irgendwie unangenehmer als in der ganzen Gruppe finde ich. Es wirkt eher, als hätte man sich nichts zu sagen. Aber immerhin ergattere ich das einzige Kürbiskernbrötchen – Lohn des frühen Aufstehens. Erst als ich schon fast fertig bin, kommt eine weitere Schwester hinzu.

Nach dem Frühstück mache ich eine Runde durch den Garten, aber meine Lieblingsbank ist nass vom Regen. Da ich noch so viel Unruhe in mir habe, beschließe ich ein wenig durch die Siedlung zu spazieren. Und das Tor am Hinterausgang lässt sich tatsächlich mit meinem Zimmerschlüssel öffnen. Ich komme aber nicht allzu weit, als mich der Regen erwischt und wieder heimschickt. Abmarsch aufs Zimmer zum Gebet. Ist ja gut... Die viele frei verfügbare Zeit ist etwas ungewohnt und macht mich auch etwas nervös, vor allem weil meine letzten Wochen so voll waren. Aber ich glaube, gerade deshalb wird sie mir gut tun. Ich nehme mir länger Zeit fürs Gebet und finde erwartungsgemäß nicht recht hinein. Zuviel in mir, Gedankenkarussell ohne Ende. Ich muss an die Worte des Paters zur Treue und Beständigkeit gestern denken. Und ich weiß ja auch, dass er Recht hat. Ich weiß, es braucht Zeit, und ich bin ja noch am Anfang.

Mittagessen ist fein, und die Stille tut gut. Es gibt Menschen, bei denen man froh ist, mit ihnen schweigen zu müssen. Die teilnehmende Gemeindereferentin ist so ein Fall. Schon gestern hat mich ihr Hang zur Selbstdarstellung leicht genervt. Heute ist sie fürs Tischgebet zuständig und stimmt vor und nach dem Essen jeweils ein Lied an, das kaum jemand mitsingen kann. Also singt sie alleine, und nun wissen wir auch alle, dass sie nicht singen kann.
Auch beim Mittagessen geht nichts ohne die Maggi-Flasche. Sie kommt mir vor wie der Heilige Gral, nach dem schon vor dem Essen ganz panisch gesucht wird. Mich wundert nur, dass der Pater auf sein  Wurstbrötchen zum Frühstück kein Maggi gekippt hat. Solche Details tragen sehr zur inneren Heiterkeit bei.

Nach dem Essen schlafe ich ein Ründchen, und dann hab ich mein erstes Gespräch. Wir reden über uns, über Leben und Tod, und es tut mir gut, über diese Dinge offen reden zu können und keinen Widerstand zu spüren. Und ich glaube, wir freuen uns beide auf die weiteren Gespräche. Der Pater gibt mir ein Heftchen von Alfons Maria von Liguori mit über den Willen Gottes. Ich wandere damit in den Garten, setze ich mich auf eine Sonnenbank, träge beäugt von der dösenden Klosterkatze, und fange an zu lesen und meinen Gedanken dazu nachzuhängen. Ich merke, dass ich anfange, anzukommen. Und dann fällt mir wieder ein, dass ich ja heute abend schon wieder weg muss. ICH WILL NICHT!!

Während ich draußen bin, treffen nach und nach die Teilnehmer der Gruppenexerzitien ein, die parallel stattfinden. Und ich verspüre keinerlei Bedürfnis dabei zu sein. Die Entscheidung für Einzelexerzitien war richtig, die Zeit ist reif dafür.

Sonntag, 25.05.2014



Müde, müde, müde. Der Tag war lang und anstrengend. Total herausgerisssen aus dem Hier und Jetzt, zurückgeworfen ins Dort und Dann. Aber es hat sich gelohnt. Die Firmung war wirklich schön. Ich hatte mir nach der schrecklichen Erstkommunion-Messe in Frankfurt nicht viel von der Firmmesse erwartet und war dann sehr positiv überrascht. Es war feierlich, die Leute waren angemessen ruhig, und bei der Predigt des Weihbischofs hätte man zwischenzeitlich eine Stecknadel fallen hören können, so still war es. So viel gebannte Aufmerksamkeit habe ich selten in einer Messe erlebt.
Und natürlich ein bisschen Rührung, als meine Butterblümchen gefirmt wurden und über die Geschenke und guten Worte hinterher. Ein Geschenk besonders tückisch, weil es mich dazu verführt, es im nächsten Jahr noch mal zu wagen mit einer Firmgruppe. Da kennt jemand sehr genau die Knöpfe, die er bei mir drücken muss. Aber wir werden sehen...

Nach all dem Trubel war ich froh, zurück ins Kloster zu kommen, auch wenn ich das Gefühl habe, ich fange wieder von vorn ab. Aber nicht ganz, denn einige Anspannungen ganz unterschiedlicher Natur sind heute von mir abgefallen, und ich hoffe, das bremst das Gedankenkarussell ein wenig ab.

Abendessen, Eucharistiefeier, bei der ich so platt bin, dass ich kaum Piep sagen kann. Aber was für ein Kontrast. Morgens Messe mit hunderten von Menschen in der brechend vollen Kirche. Und abends Eucharistie im ganz kleinen Kreis von neun Leuten. Und doch im Kern dasselbe. Schön die Varianten, schön die Konstanten.

Und nun falle ich todmüde ins Bett und schlafe den Schlaf der rechtschaffen müden Firmkatechetin.

Montag, 26.05.2014



Nachdem der gestrige Tag so voll mit Eindrücken war, hätte ich nicht gedacht, dass ich doch so schnell wieder in die Stille zurückfinde. Aber es ist ganz gut gelungen. Nach dem Frühstück mache ich meine übliche Gartenrunde, setze mich auf meine Lieblingsbank ganz oben und sinniere über den Willen Gottes. Ist es nicht manchmal der einfachere Weg, sich diesem Willen ganz zu überlassen, statt etwas zu erhoffen und zu erbitten, was einem dann  möglicherweise verwehrt wird. Und dann mit der Enttäuschung fertig zu werden, den Zweifeln, die hochkommen, ist sicher manchmal schwerer, als sich gleich von vornherein zu ergeben. Das wird sicher ein Thema für das Gespräch heute nachmittag sein.

Als es mir auf meiner Bank zu kalt wird, gehe ich in den Meditationsraum, wo das Allerheiligste zur Anbetung den ganzen Tag ausgesetzt ist, was ich sehr sehr schön finde. Dort nehme ich mir eine Stunde ganz bewusst Zeit für Stille. Ein paar andere sind immer da, und es tut gut, so gemeinsam zu schweigen und zu beten. Und ich staune selbst immer wieder, wie leicht es mir fällt, in diesem Stück Brot Christus zu erkennen.

Das Gespräch am Nachmittag ist ganz nett, aber auch nicht übermäßig ergiebig. Ich nehme immerhin einen Text zur Reflexion mit. Eine weitere Stunde Gebet vor dem Allerheiligsten hab ich mir vorgenommen, und sie tut mir auch gut. Wir sind anfangs zu dritt, irgendwann bin ich ganz allein im Raum. Ganz allein bei einer Anbetung war ich noch nie, und es geht mir doch sehr nahe. Es ist ganz Schauen und sich anschauen lassen, bis ins Innerste hinein. Nicht, was da noch verborgen bliebe, aber auch nichts, was nicht da sein darf. Die Stunde ist längst rum, aber ich weiß auch, dass ich unmöglich gehen und Christus allein lassen kann. Das bringe ich nicht übers Herz. Also warte ich geduldig, bis wieder eine Schwester reinkommt. Wachablösung sozusagen.

Abends bei der Eucharistiefeier hören wir während der Wandlung das Tantum Ergo aus der Hauskapelle. Ich muss innerlich lächeln. Nachdem unser Pater den Gruppenexerzitien-Teilnehmern den Zutritt zu unserem kleinen Meditationsraum untersagt hat, weil allgemein die Befürchtung bestand, er könne dann demnächst total überfüllt sein, machen sie offenbar ihre Gegenveranstaltung auf. Mir persönlich wäre es egal gewesen, weil ich nicht glaube, dass die nun alle gleichzeitig zur Anbetung gestürmt wären. Aber eine Schwester hatte schon moniert, dass IHR Platz morgens besetzt gewesen wäre. Ich wusste nicht mal, dass es feste Plätze gibt... Wer weiß, wem ich den Platz weggenommen habe.

Ganz rührend finde ich ja, dass der Pater fast jeden Abend Karten vorliest, die ihm hierhin geschickt wurden mit guten Wünschen für die Exerztitanten. Da fühlt man sich doch sehr gut begleitet.

Bei der Kommunion, die wir immer in beiderlei Gestalt erhalten, verkleckere ich etwas vom Blut Christi auf meine Hose und bin innerlich völlig erstarrt vor Entsetzen, wie mir sowas passieren kann.

Alles in allem merke ich, wie die Stille wieder mehr und mehr Besitz von mir ergreift und empfinde das als sehr wohltuend.

Dienstag, 27.05.2014



Heute früh schüttet es aus Eimern. Wenn das so bleibt, wird der Anbetungsraum wohl voll werden. Was soll man an einem solchen Tag auch sonst machen als mit Jesus reden?

Auf dem Weg zum Frühstücksraum, der ja in einem anderen Gebäude ist, begegne ich einem Herrn von den Gruppenexerzitien, dem ich anbiete, mit unter meinen Schirm zu kommen. Wir quatschen – unerlaubterweise natürlich, wie wir feststellen – auf den paar Metern ein wenig, und er scheint recht angenehm und nicht völlig humorbefreit, was sein etwas steifer Anzug, den er jeden Tag trägt, nahegelegt hatte. Hm, vielleicht wären Gruppenexerzitien doch keine so schlechte Idee gewesen... Ihn schien diese Exotin in Jeans, pinken Turnschuhen und pinkem Kapuzenpulli jedenfalls auch neugierig zu machen.

Morgens nehme ich mir wieder eineinviertel Stunde für stille Anbetung. Und ich merke, dass die Stille langsam auch ins Innere sinkt. Die Gedankenspiralen werden weniger, die Zeiten, in denen ich innerlich ruhig bin, mehr ins Hören und Schauen als ins Reden komme, werden länger. Aber es bleibt natürlich ein mühsames Geschäft. Die Langeweile, den Überdruss, die mangelnde Konzentrationsfähigkeit, die Frage, was mach hier eigentlich auszuhalten und einfach weiter da zu sein, sich hinzuhalten, strengt manchmal schon an.

Mittags gibt es Spargel mit Kartoffeln, was mich sehr freut, weil das vegetarische Essen hier allgemein nicht sonderlich attraktiv und lecker ist, wie ich bei früheren Aufenthalten schon erfahren habe. Auf dem Weg zurück in unser Wohngebäude, biete ich meiner „Lieblings“-Mitexerzitantin Asyl unter meinem Schirm an. Das lehnt sie jedoch ab und stapft entschlossen zwei Meter vor mir durch den strömenden Regen. Was für eine harte Frau, denke ich einmal mehr. Sie strahlt diese Härte auch in jeder Hinsicht aus. Wie mag sie so geworden sein?

Das nachmittägliche Gespräch ist einmal mehr ganz nett und unterhaltsam, inhaltlich nehme ich allerdings nicht allzu viel mit. Mag auch an mir liegen, vielleicht ist das Thema, was mich umtreibt,  zu unspezifisch, keine Ahnung. Immerhin hat der Pater mir das Du angeboten und sich sehr über meinen Beichtwunsch gefreut. Ich hatte ja erst nicht vor zu beichten, da ich gerade erst mit den Firmlingen beichten war. Aber ich merke, dass in so einer Zeit der intensiven Betrachtung doch einiges hochgespült wird, was ich gerne noch los würde. Die Firmbeichte war eher ein Zeichen für die Mädchen, jetzt tue ich es vor allem für mich selbst.

Nachmittags nehme ich mir dann noch mal eineinviertel Stunde Zeit für stille Anbetung. Ich merke, dass die regelmäßige Übung schon viel bewirkt hat und mir die Stunde recht kurz vorkommt. Es ist immer neues sich Einlassen auf die Gegenwart Christi, aber es macht mich auch immer wieder froh, ihn dort zu wissen. Ich empfinde das als großes Geschenk, ihm den ganzen Tag über in solcher Intensität begegnen zu können.

Die abendliche Eucharistiefeier geht dann ohne Panne ab, sieht man davon ab, dass der Pater ein Lied auswählt, das niemand kennt, und unser Versuch, vom Blatt zu singen, kläglich scheitert. Die zweite und dritte Strophe sprechen wir dann nur noch.

Nach der Eucharistiefeier lese ich noch ein paar Seiten. Lektüremäßig bin ich ja nun recht gut versorgt. Neben dem geschenkten Gebetbuch hab ich noch ein Buch mit Texten von Madeleine Delbrêl und „Pure Präsenz“ von Richard Rohr dabei. Delbrêl fasziniert mich ja wegen ihre Bodenständigkeit und Alltagsspiritualität. Das ist wohl die einzige spirituelle Lebensform, die ich mir vorstellen könnte. Und an Richard Rohr mag ich seinen Zugang zur Mystik. Das Buch hab ich auch schon mal gelesen, wollte es aber schon länger gerne selbst besitzen und finde auch beim zweiten Lesen viel kluge und wahre Dinge darin.