Nach einer wunderbaren Nacht, in der ich den Schlaf der
letzten drei Nächte nachgeholt habe, finde ich mich um viertel nach acht als
erste im Frühstücksraum ein. Das irritiert mich zunächst etwas, weil ich
gewöhnt bin, dass die Exerzitienteilnehmer um diese Zeit schon fast vollständig
versammelt sind, auch wenn die Frühstückszeit frei wählbar ist. Ich überlege,
ob ich doch aus Versehen eine Morgengebetszeit verpasst habe. Dem scheint aber
nicht so zu sein, denn irgendwann kommt Pater Herbert auch dazu. Zu zweit
schweigt es sich irgendwie unangenehmer als in der ganzen Gruppe finde ich. Es
wirkt eher, als hätte man sich nichts zu sagen. Aber immerhin ergattere ich das
einzige Kürbiskernbrötchen – Lohn des frühen Aufstehens. Erst als ich schon
fast fertig bin, kommt eine weitere Schwester hinzu.
Nach dem Frühstück mache ich eine Runde durch den Garten,
aber meine Lieblingsbank ist nass vom Regen. Da ich noch so viel Unruhe in mir
habe, beschließe ich ein wenig durch die Siedlung zu spazieren. Und das Tor am
Hinterausgang lässt sich tatsächlich mit meinem Zimmerschlüssel öffnen. Ich komme
aber nicht allzu weit, als mich der Regen erwischt und wieder heimschickt.
Abmarsch aufs Zimmer zum Gebet. Ist ja gut... Die viele frei verfügbare Zeit
ist etwas ungewohnt und macht mich auch etwas nervös, vor allem weil meine
letzten Wochen so voll waren. Aber ich glaube, gerade deshalb wird sie mir gut
tun. Ich nehme mir länger Zeit fürs Gebet und finde erwartungsgemäß nicht recht
hinein. Zuviel in mir, Gedankenkarussell ohne Ende. Ich muss an die Worte des
Paters zur Treue und Beständigkeit gestern denken. Und ich weiß ja auch, dass
er Recht hat. Ich weiß, es braucht Zeit, und ich bin ja noch am Anfang.
Mittagessen ist fein, und die Stille tut gut. Es gibt
Menschen, bei denen man froh ist, mit ihnen schweigen zu müssen. Die
teilnehmende Gemeindereferentin ist so ein Fall. Schon gestern hat mich ihr
Hang zur Selbstdarstellung leicht genervt. Heute ist sie fürs Tischgebet
zuständig und stimmt vor und nach dem Essen jeweils ein Lied an, das kaum
jemand mitsingen kann. Also singt sie alleine, und nun wissen wir auch alle,
dass sie nicht singen kann.
Auch beim Mittagessen geht nichts ohne die Maggi-Flasche.
Sie kommt mir vor wie der Heilige Gral, nach dem schon vor dem Essen ganz
panisch gesucht wird. Mich wundert nur, dass der Pater auf sein Wurstbrötchen zum Frühstück kein Maggi
gekippt hat. Solche Details tragen sehr zur inneren Heiterkeit bei.
Nach dem Essen schlafe ich ein Ründchen, und dann hab ich
mein erstes Gespräch. Wir reden über uns, über Leben und Tod, und es tut mir
gut, über diese Dinge offen reden zu können und keinen Widerstand zu spüren.
Und ich glaube, wir freuen uns beide auf die weiteren Gespräche. Der Pater gibt
mir ein Heftchen von Alfons Maria von Liguori mit über den Willen Gottes. Ich
wandere damit in den Garten, setze ich mich auf eine Sonnenbank, träge beäugt
von der dösenden Klosterkatze, und fange an zu lesen und meinen Gedanken dazu
nachzuhängen. Ich merke, dass ich anfange, anzukommen. Und dann fällt mir
wieder ein, dass ich ja heute abend schon wieder weg muss. ICH WILL NICHT!!
Während ich draußen bin, treffen nach und nach die
Teilnehmer der Gruppenexerzitien ein, die parallel stattfinden. Und ich verspüre
keinerlei Bedürfnis dabei zu sein. Die Entscheidung für Einzelexerzitien war
richtig, die Zeit ist reif dafür.
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