Sonntag, 1. Juni 2014

Samstag, 31.05.2014



 Der letzte ganze Tag. Und ich habe noch mieserabler geschlafen als die letzten Nächte. Von vier Uhr morgens an wälze ich mich nur noch rum. Leider kein ganz unbekanntes Phänomen, das hatte  ich hier schon öfter. Ich tröste mich damit, dass ich über Tag ja genug Zeit für Ruhe habe.
Die morgendliche Anbetungsstunde wird wegen des Schlafmangels schnell zur Quälerei. Ich fürchte jeden Moment von der Bank zu kippen. Also breche ich ab und lege mich noch ein wenig hin. Eine knappe halbe Stunde schlafe ich, fühle mich danach zwar nicht wirklich besser, aber irgendwann geht es doch wieder. Ich beschließe, noch einen Anlauf zur Anbetung zu nehmen. Und diesmal ist es sehr innig und intensiv. Die zwei anderen Teilnehmerinnen, die mit mir da sind, verlassen irgendwann den Raum, weil sie unbedingt miteinander reden (!) müssen, so dass mir eine ganze Viertelstunde allein mit Christus bleibt.  Ich mag mich kaum losreißen, aber das Mittagessen wartet.

Mittags bin ich heilfroh über das Gebetbuch, das Judith mir  als Dankeschön zur Firmung geschenkt hat. Ich bin an der Reihe mit dem Tischgebet, und die gängigen, die auch im Gotteslob stehen, finde ich zu banal und kindisch. Freies Beten ist aber auch nicht meins, und so bin ich froh, in dem Buch ein paar ganz gute Tischgebete zu finden (ich brauche ja insgesamt vier Stück und will mich auch nicht wiederholen).

Meine Lieblingsteilnehmerin flüstert einer anderen zu, dass sie gestern 20 Kilometer gelaufen sei. Und heute scheint sie sich nicht weniger vorgenommen zu haben. Ich glaube, die rennt den ganzen Tag. Ich hab sie bis jetzt weder im Garten noch bei der Anbetung je gesehen. Also wenn ich den ganzen Tag rennen wollte, ginge ich ja eher auf Wallfahrt oder Wanderexerzitien. Sie wirkt auf mich aber auch wie ein Mensch mit ungezügelter Energie, die sich ständig Bahn bricht. Ich glaube kaum, dass sie eine Stunde stilles Sitzen aushalten würde. Und gerade solchen Menschen, scheint mir, täte es mal gut.

Überhaupt stelle ich fest, dass das menschlich irgendwie nicht mein Kurs geworden ist. Der Pater ist ja ganz nett und hat mir durchaus auch ein paar wertvolle Impulse und Gedanken mitgegeben. Aber ich merke, dass ich innerlich reserviert bleibe. So wirklich berührt hat er mich nicht. Die anderen Teilnehmerinnen ebenso wenig. Das habe ich auch schon sehr anders erlebt, vor allem im zweiten Kurs. Aber das zeigt mir auch, dass dieses Berührtsein ein echtes Geschenk ist, das man nicht erzwingen kann. Vielleicht bin ich aber auch selbst nicht in Stimmung, mich berühren zu lassen, wer weiß...

Ich grübele schon, was ich heute abend tun werde. Beim Dankgottesdienst wird sicher erwartet, dass jeder etwas sagt zum Abschluss. Ich habe mich mit Bekenntnissen bisher ja vornehm zurückgehalten und würde es am liebsten auch weiterhin tun. Aber ich fürchte, das wird übel auffallen. Ich spüre jedoch bei allem, was ich sagen könnte, einen Widerwillen, das auch wirklich auszusprechen. Andererseits ist Sturheit auch doof. Ich hab ja noch ein paar Stunden, um mir was zu überlegen.

Nach dem Essen sitze ich lange auf dem Balkon und sinne nach, was ich an Erkenntnis von hier mitnehme. Hingabe war weitgehend mein Thema. Und ich nehme für mich mit, mehr aus dem Geist der Hingabe leben zu wollen, auch im Kleinen. Weniger vorgefertigte Raster und Strukturen im Kopf, mehr geschehen lassen. Mehr Dein Wille geschehe als Thy Will shall be done Ich muss an die drei Bedeutungen von fieri denken, wie ich sie im Lateinunterricht eingepaukt bekam: Werden, geschehen, gemacht werden. Ich habe immer mehr der englischen Übersetzung des Vaterunsers angehangen. Eher machen als geschehen lassen. Aber ich spüre, dass es mir immer wichtiger wird, offen und durchlässig für Gottes Willen zu werden, worin auch immer er besteht. Nichts ablehnen, in allem auch ein Geschenk sehen, offen sein, sich einlassen, sich aber auch wieder lösen können.

Ich denke an den Kreuzweg und wie ich den angegangen wäre. Ich hätte da nix dem Zufall überlassen und zu Petrus gesagt: Pass auf, du stellst Dich bei Kilometer 2 auf. Weiter kann ich das Kreuz wahrscheinlich nicht tragen. Dann musst Du eine Zeit lang übernehmen. Bei Kilometer 4 wartet dann Dein Bruder, usw. Jesus hat nichts geplant, hat sich von Fremden helfen lassen, als er nicht mehr konnte. War aber auch nicht zu stolz, Hilfe anzunehmen.

Ich werde auf mich selbst achten, das muss ich, schon aus gesundheitlichen Gründen. Aber ich werde nicht zu einer Kranken, die nur um sich und ihre Bedürfnisse kreist. Auch das heißt Leben aus Hingabe heraus.

Das Abschlussgespräch mit dem Pater ist ganz nett. Wie auch die ganze Begleitung. Schon so, dass ich einiges für mich mitgenommen habe. Aber so wirklich gesehen habe ich mich nicht gefühlt. Und ich stelle einmal mehr fest, dass geteilter Glaube noch nicht gleich Verbundenheit im Glauben ist. Letztere ist ein großes Geschenk, aber doch nur mit wenigen möglich.
Am Ende erhalte ich einen Zettel mit den weiteren Exerzitienterminen für dieses Jahr und werde gebeten, für einen der Kurse zu beten, was ich auch gerne verspreche. Ich vermute jedoch, dass das auch bedeutet, ich soll eine Karte schreiben. Und nun verstehe ich auch, wie diese vielen Karten zustande gekommen sind, die in unserem Kurs vorgelesen wurden. Aber ich weiß auch, dass ich das nicht tun werde. Dafür fehlt mir die innere Verbundenheit, die Nähe zu dieser „Gemeinschaft“, wo viele schon seit über 20 Jahren zu Exerzitien kommen. Ich fühle in mir kein Bedürfnis, Teil dieses Kreises zu werden.

Die letzte Anbetungsstunde ist besonders schön, weil ich die meiste Zeit allein  mit Christus bin. Das tut mir auch gut, weil ich dann freier, spontaner, fröhlicher bin, einfach vor ihm die sein kann, die ich bin.
Danach noch eine letzte Gartenrunde hoch zum Kreuzweg, den ich ein letztes Mal intensiv meditiere. Die Bilder gehen mir schon sehr nah, und vor dem Bild der Kreuzigung habe ich plötzlich das Bedürfnis, auf die Knie zu gehen, was ich dann auch tue, zumal ich ganz allein dort oben bin. Es wird noch eine Aufgabe sein, das Kreuz immer tiefer zu verinnerlichen. Da bin ich noch ganz am Anfang, aber immerhin ist ein Anfang gemacht. Ich weiß, dass darin das steckt, was ich suche, was ich will für mich.

Beim abendlichen Dankgottesdienst spreche ich die vorgenommenen Dankesworte und bin insgeheim erleichtert, dass das Ganze nicht so emotional wird wie befürchtet. Nur meine spezielle Freundin braucht mal wieder ihren Auftritt und fordert uns auf, mit ihr ein Lied, untermalt mit Gebärden, zu singen, das ihr während des Tages durch den Kopf ging. Schwester Manuela guckt derart skeptisch unter ihrem Schleier hervor, dass ich innerlich lospruste, und sie verweigert sich dem Kindergartentheater auch konsequent (wie ich auch), während die anderen etwas unbeholfen singen und fuchteln.

Zum Sanctus gibt es die zweite Strophe von Großer Gott, wir loben Dich, und ich muss innerlich etwas grinsen, weil ich dem Pater verraten hatte, dass ich mir die für meine Beerdigung wünsche. Das hat ihn offenbar inspiriert...

Der Abend endet dann ganz unspektakulär wie immer, was ich etwas schade finde, denn bisher war es eigentlich immer so, dass es am letzten Abend noch einen gemeinsamen Ausklang, ein gemütliches Beisammensein gab, wo man doch mal etwas miteinander ins Gespräch kam. So finde ich es doch etwas schwach. Auch wenn mich jetzt nicht innig nach Gespräch verlangt, fand ich gerade diese letzten Abende immer sehr schön. Nun gut, so schreibe ich also mein Tagebuch zu Ende und werde zeitig ins Bett gehen, denn morgen feiern wir um viertel nach sieben noch mal Messe.

Und wenn es sonst schon keine Abschlussfeier gibt, gönne ich mir jetzt, nach einer Woche Wasser und Hagebuttentee, eine Flasche Kölsch aus der gut bestückten Teeküche – und werde danach vermutlich sturztrunken ins Bett fallen.

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